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Du kannst das nicht!

Ein Satz, den jeder von uns so oder ein bisschen anders verpackt, schon zu hören bekommen hat. Die einen mussten ihn sich vielleicht öfter anhören als andere, aber die darin enthaltene Botschaft trifft immer bis ins Mark.

Dabei ist der Satz fast komplett falsch. Fast, denn manchmal steckt auch ein Funke Wahrheit darin, aber eben nur ein Funke. Ob wir den aber zum weit sichtbaren Leuchtfeuer unseres angeblichen Unvermögens werden lassen oder ob wir ihn für was ganz anderes nutzen, das haben wir heute selber in Hand.

Kaum ein Satz wird so oft gesagt und so selten hinterfragt wie der Satz „Ich kann das nicht.“ Und dabei wäre es durchweg spannend diesem kleinen, fiesen Killersatz mehr Zweifel und weniger blinden Glauben zu schenken. Zum einen würde ihm das deutlich an Macht rauben und zum anderen könnte man eine Menge über sich selbst entdecken. Denn wirklich wahr ist er seltener als man denkt.

Wie viel Wahrheit steckt drin?

Um das rauszufinden, lohnt es sich den Satz auseinanderzunehmen. Hierfür eignen sich im ersten Schritt folgende fünf Fragen:

Ist es wahr?
Es gibt nun einmal Dinge, die kann man nicht und egal wie sehr man sich bemühen würde oder wie viel man üben würde, „es“ wird nicht gehen. Babys können nicht sprechen, Jungs können keine Kinder bekommen und Pinguine können nicht auf Bäume klettern. Da hilft kein Coaching, keine schlauen Bücher und sich mehr anstrengen schon mal gar nicht. (Kleiner Tipp am Rande: Sollten Sie das Video von Eckart von Hirschhausens „Pinguin-Prinzip“ noch nicht kennen, hier der link … Absolut sehenswert!)

Kann ich es noch nicht?
Für ganz viele Dinge macht es Sinn den Satz um das kleine Zauberwort „noch“ zu ergänzen. Selbst ein kerngesunder Mensch kann aus dem Stehgreif keinen Marathon laufen, aber mit Training, Durchhaltevermögen und Wollen kann es gelingen. Und ein Baby kann noch nicht sprechen, aber bald wird es es können.

Kann ich DAS nicht?
Hier macht es Sinn, genauer hinzugucken und zu hinterfragen, was „das“ eigentlich ist. Und ob es dann wirklich ein Nicht-Können oder vielleicht ein Nicht-Wollen ist. Vielleicht gibt es auch Teile des „das“, die man kann und für andere braucht man z. B. Hilfe.

Kann ich das SO nicht?
Vielleicht taugt einem nur der (vorgegebene) Lösungsweg nicht und würde/könnte/dürfte man den eigenen Ansatz verfolgen, wäre „das“ schnell erledigt.

Ist es ein Glaubenssatz?
Wenn wir in der Kindheit nur oft genug gesagt bekommen haben, dass wir Dinge nicht können, glauben wir sie irgendwann und hinterfragen sie nicht mehr.

Allein schon durch das Stellen dieser 5 Fragen verliert „Ich kann das nicht“ einen Großteil seiner Endgültigkeit, denn diese Fragen zeigen: etwas nicht zu können, ist komplex und dieser Satz ist eine unfaire Reduktion.

Jedes „Das kannst Du nicht.“ das nicht in Kategorie 1 fällt, ist unfair

Und selbst wenn es in Kategorie 1 fällt, sollte es nicht ohne Erklärung ausgesprochen werden. Egal wie alt das Gegenüber ist.

Ein Kind kann die Komplexität (noch) nicht verstehen. Und so steht im Verstehen und Erleben des Kindes das „Du“ (also das Ich) im Vordergrund. Es geht für das Kind nicht um die Sache, sondern um das Ich, das es nicht kann. Und das kann fatale Folgen haben.

Nachhaltiger Potentialkiller

Die Differenzierung zwischen der Sache und der Person ist so wichtig.

Findet das nicht statt, glaubt das Ich unfähig zu sein. Warum also später im Leben Neues wagen, wenn man eh schon weiß, dass man „es“ nicht kann? Resignation, mangelndes Selbstvertrauen und Depression haben hier ihre Wurzeln.

Bezieht man auch die Person, die es sagt mit ein, taucht die spannende Frage auf: wer ist es wirklich, der hier etwas nicht kann?

Wer kann was nicht?

Wenn ein Kind etwas Neues ausprobiert, stellt es sich am Anfang ungeschickt an, macht Fehler und geht Umwege. Deswegen nennt man es ja auch ausprobieren. Nur tun sich viele Erwachsene schwer, dieses Ausprobieren auszuhalten und weder einzugreifen noch ungeduldig zu werden.

Ein Kind spürt die Ungeduld und Unruhe der Eltern. Und schon wird es unsicher und bekommt Stress. Nur ist Stress das letzte, was ein ausprobierendes Gehirn brauchen kann.

Greifen dann die Eltern vielleicht noch ein und zeigen dem Kind wie es „richtig“ geht, ist jede Neugier futsch und die Entdeckerfreude gleich mit. Potentialentfaltung sieht anders aus.

Und benehmen sich Chefs oder Kollegen wie die gerade beschrieben ungeduldigen Eltern, schaffen auch sie dadurch kein Klima indem Innovation, Selbstverantwortung & Co. entstehen und wachsen kann. Der Mechanismus greift auch hier.

Mein tribe-Tipp:

Zuallerst trittst du den alten Glaubenssatz des „Ich kann das nicht!“ beherzt in die Tonne. Wo er hingehört. Ab dann gilt:

Reduziere dich und andere nicht auf ein Nicht-Können. Das ist unfair, denn es spiegelt den Menschen in seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten nicht wieder. Und sagt mehr über den Sprecher als über den Empfänger aus.

Ich vertraue darauf: wenn der ehrliche Wunsch da ist, ist auch die Möglichkeit da.

Vielleicht entspricht das Ergebnis – aus welchem Grund auch immer – nicht 1:1 dem Wunsch. Aber wenn man der Kraft einer inneren Sehnsucht folgt, entsteht immer genau das, was entstehen will und muss. Man muss es nur wagen.

Und den Teil, der meint, er könne es nicht, sollte man leise fragen, was er braucht, was ihm helfen, ihn unterstützen würde. Ruhe? Entschleunigung? Zuspruch?