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Vom Objekt zum Subjekt

Lernt man neue Menschen kennen, folgt zumeist direkt nach dem Nennen des eigenen Namens, je nach Kontext des Treffens, eine weitere Beschreibung zur eigenen Person. Im Job ergänzt man seinen Namen um den Titel oder die Funktion, im Privaten vielleicht um „Mutter von …“, „Partner von …“ oder „Ich wohne da-und-da“. Beim gemeinsamen Sporteln informiert über den eigenen Leistungsstand und im Wartezimmer beim Arzt liegt die Krankheitsgeschichte nahe. All das gibt dem Gesprächspartner Orientierung mit wem er oder sie es da gerade zu tun hat. Und das ist gut und schlecht zugleich.

Schublade auf, Schublade zu

Sehen wir eine Person machen wir uns in Bruchteilen von Sekunden ein Bild dieser Person. Unser internes Raster hat, basierend auf unseren Erfahrungen, Werten, Glaubenssätzen & Co., das Gegenüber bereits einsortiert bevor er oder sie überhaupt richtig den Mund aufgemacht hat.

Das gute daran: durch dieses Einsortieren schützen wir uns, denn unser Raster entscheidet über gut oder schlecht, Gefahr oder sicher, interessant oder vergeudete Lebenszeit.

Was wir dabei nur nicht so richtig mitbekommen: wir machen das Gegenüber damit zum Objekt, reduzieren ihn oder sie auf unseren ersten Eindruck und versperren uns den Blick auf das Subjekt. Will heißen: indem wir meinen zu wissen, wen wir da gegenüber haben, verlieren wir die Neugier auf den Menschen in seiner Vielfalt und Einmaligkeit.

Ich habe z. B. die Erfahrung gemacht, dass wenn ich mich im beruflichen Kontext als „Coach“ vorstelle, mein Gegenüber nur schwerlich ein Gähnen unterdrücken kann. Noch so eine … Seitdem ich mich aber als „Somatic Coach“ vorstelle, habe ich den kleinen Vorsprung der Verunsicherung („Somatic?) und der entscheidet, ob ich dann doch in der völlig überfüllten Coach-Schublade lande oder sich aus der Nachfrage ein zumeist interessantes Gespräch entwickelt.

Kennst du dein Raster?

Menschen einzusortieren ist wie schon gesagt, an sich weder gut noch schlecht. Und passiert automatisch und in Bruchteilen von Sekunden. Alles in allem ist diese Fähigkeit hilfreich, Energie schonend und schafft Orientierung.

Die Krux an der Sache ist, dass viele nicht mitbekommen, das und nach welchen Kriterien sie ihr Gegenüber gerade einsortiert haben.

Da ist jemand unsympathisch und man geht auf Abstand. Aber warum? Keine Ahnung. Unsympathisch ist unangenehm genug, da muss ja nicht länger hingucken. Zieht einen jemand wie magisch an, überlagert die Neugier auf den anderen die Neugier auf die eigene Wahrnehmung. Dabei ist genau dieses „Was genau?“ so spannend.

Welche Schubladen habe ich? Und warum und wofür?

Niemand wird mit Schubladen geboren. Die entstehen erst mit der Zeit.

Viele unserer Schubladen übernehmen wir einfach von unserer Umgebung ohne sie großartig zu hinterfragen. Andere basieren auf eigenen Erfahrungen und Erlebnissen. Auch hier wieder: Fluch und Segen.

Segen, denn durch die Übernahme dieser Schubladen passen wir uns unserer Umgebung an, gehören dazu, sind sicher.

Fluch, denn diese Schubladen machen uns eng und sind eng.

Nehmen wir das wahr und wollen ausbrechen, haben wir ein Problem. Denn genau hier liegt der Hase im Pfeffer: indem wir die alten Schubladen in Frage stellen, verlieren wir unsere innere Sicherheit und unsere Orientierung. Zumindest fühlt es sich so an. Und da der Mensch das Gefühl der Unsicherheit nur schwer aushalten kann, landen neue Gegenüber auch weiterhin in alten Schubladen.

Ein sich selbst befeuernder Teufelskreis, den man durch einen kleinen Gedankentrick einfach und effektiv durchbrechen kann:

Ich habe keine Schubladen

Ich arbeite sehr gerne mit Hypothesen und zu so einer lade ich dich jetzt ein. Stell dir vor, dein inneres Raster und deine Schubladen wären nicht deine. Sie wären von irgendjemand anderen, vielleicht von deinen Eltern, Lehrern, von Freunden, Bekannten und der Gesellschaft übernommene fremde Schubladen. Du selber hast keine Schubladen.

Was sehe ich dann im Außen und was macht es dann mit mir im Innen? In welche Schublade würde ich mein Gegenüber am liebsten ganz schnell stecken und warum und was verändert sich, wenn ich das jetzt mal nicht tue? Weil da keine Schubladen sind? Wie erlebe ich mein Gegenüber dann, wie erlebe ich mich?

Neugierig auf das Subjekt hinter dem Objekt

Klingt einfach und logisch, ist es aber leider nicht. Denn wir leben und arbeiten in einer Welt, wo Menschen auf Objekte und Rollen reduziert werden. Die Frage, was das für ein Mensch ist, was ihn oder sie besonders und einmalig macht, dafür ist keine Zeit. Und selbst wenn die Zeit da wäre, haben nur sehr wenige die Kapazität für die Antwort.

Hinzu kommt, die Neugier auf den Menschen hinter der Rolle setzt die Frage voraus: wer bin ich selbst hinter all meinen Rollen? Was macht mich aus, macht mich einmalig? Und was davon traue ich mich zu zeigen? Was davon will ich, dass mein Gegenüber sieht?

Schwierige Fragen, die nicht auf die Schnelle zu beantworten sind. Da ist der Sprung in die eigene Schublade deutlich einfacher und so reduzieren wir uns selber auf eine Rolle und machen uns damit immer und immer wieder selber zum Objekt. Und wundern uns dann, wenn wir nicht als vollständiger Mensch wahrgenommen werden.

Genau hier hat jeder von uns die Wahl. In jedem Moment.

Mache ich mich und mein Gegenüber zum Objekt und reduziere mich und ihn oder sie auf eine Rolle? Oder bleibe ich trotz des üblichen ersten „Mein Haus, mein Auto, mein Hobby…“ innerlich bei der Frage „Wer ist der Mensch hinter all dem?“

Sich so zu begegnen braucht Mut, keine Frage. Aber dem Mutigen gehört ja bekanntlich die Welt. Seine Welt.